Kindergeschichten - Ver-dichtungen

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Kindergeschichten

Literarische Texte


von

Wolf Döhner

Illustrationen

Antje Strathmann-Finweg







Alle Rechte bei Wolf Döhner
www.ver-dichtungen.de


Es war ein wunderbarer sonniger Tag Anfang des Frühlings. Die Vögel sangen um die Wette und die ersten Tulpen streckten ihre Köpfe aus dem warmen Boden.
Aber Leo saß auf dem Gras am Fuße des großen Baumes unweit des Gartens seines Opas und rieb sich die Beule, die er am Kopf spürte. Es war eine ziemlich große Beule, wie er bemerkte. Und sie tat weh. Eigentlich tat ihm der ganze Kopf weh. Und eigentlich wollte er anfangen zu heulen. Aber die komische Gestalt, die vor ihm stand und ihn mit strengem Blick anschaute, ließ ihm gar keine Zeit dazu.
Mit offenem Mund starrte er sein Gegenüber an. Er sah einen merkwürdigen Kerl, nur wenig größer als er selber. Seine knielange Jacke war über und über mit grünen Blättern bedeckt und aus seinen nackten, dürren Beinen wuchsen lauter kleine, grün belaubte Äste. Auf dem Kopf aber kräuselte sich ein dichtes graues Haar, das genauso wie der lange Bart durchflochten war mit dunkelgrünem Moos. Die eine Hand hatte er in die Seite gestemmt, während die andere drohend einen dicken Knüppel hielt.

„Soll ich dir noch einen Schlag verpassen oder hast du genug?“, brummte er und blickte dabei noch mürrischer drein als vorher.

Leo war immer noch sprachlos. Nach einer kurzen Weile meinte der Bärtige.
„Kannst du nicht sprechen, oder willst du nicht?“ und machte einen kleinen Schritt auf Leo zu. Das reichte, um diesen wieder zum Sprechen zu bringen.

„Wer bist du?“

„Na, also. Du kannst offensichtlich doch sprechen. Dann sag mir erst einmal wie du heißt“.

„Leo, aber...“

„Nichts aber, Leo. Ich heiße Knarz und bin der Bewohner dieses Ahornbaumes und ich finde es gar nicht gut, dass du mein zu Hause mit deinem Messer verschandelst und verletzt“

Jetzt fiel es Leo wieder ein. Er hatte zum Geburtstag ein Taschenmesser von seinem Opa geschenkt bekommen. Mama hatte zwar gemeint, das wäre doch noch zu früh für einen Erstklässler. Aber Opa hatte nur geantwortet.

„Ach was. Es ist ja nur ein kleines Messer. Weder wird er sich, noch andere damit umbringen können. Und außerdem muss er ja seine eigenen Erfahrungen machen.“

In der Tat war es nur ein kleines Taschenmesser, etwa so groß, wie sein Mittelfinger lang war. Aber es war doch recht scharf, wie Leo feststellen musste, als er an einem Ast des Ahorn, auf den er geklettert war, die Schärfe der Klinge testete. Er hatte sich allerdings einen recht dicken Ast ausgesucht, fast so dick, wie sein Arm. Der war störrisch und schien sich gegen den Angriff zu wehren. Doch Leo hatte den Ast noch fester gepackt und eifrig weiter an ihm gearbeitet. Aber gerade, als er schon fast die Hälfte des Zweiges durchgeschnitten hatte, fühlte er plötzlich einen heftigen Schlag gegen den Kopf. Der Schreck schlug ihn auf den Boden. Und dort hatte er dann seinen Kopf befühlt und die dicke Beule entdeckt.
„Ich wollte doch nur sehen, wie gut mein neues Messer schneidet und ….“
„Gibt es nicht genug anderes, totes Holz, an dem du das probieren kannst“? Wieder klang Knarzens Stimme recht unfreundlich.
Das war nun plötzlich zu viel für Leo. Er spürte seine Beule wieder und erinnerte sich, dass er ja eigentlich weinen wollte.

„Ich wusste doch nicht …. ich wollte doch nicht....“ schluchzte er und schaute sich Hilfe suchend nach Opas Haus um, wo sicher irgendwo seine Mutter war. Er wollte aufstehen und zu ihr laufen. Aber da kam der nächste Schock. Von dem nahen Haus war nichts zu sehen. Stattdessen bemerkte er, dass er sich scheinbar auf einer kleinen Lichtung in einem dichten mannshohen Gebüsch befand. Und gerade, als er sich darüber lauthals wundern wollte, ergoss sich von oben ein Schwall Wasser über ihn.
Das war nun endgültig zu viel für den kleinen Leo und er stimmte in ein herzzerreißendes Gebrüll ein.

„Mama, Mama... ich will zu meiner Mama!“

„Ja, heul nur, mein Baum weint auch. Komm schnell, sonst bekommst du die nächste Dusche auch noch ab.“

Und damit zog Knarz ihn von der Lichtung weg, bahnte sich mit dem Knüppel einen Weg durch das Gebüsch und erreichte schließlich den Fuß einer riesigen Felswand. Leo hatte wieder aufgehört zu brüllen. Er hatte schlichtweg keine Zeit dazu, denn alles ging sehr schnell. Jetzt standen sie also vor der Felswand. Leo blickte ehrfürchtig nach oben. Die Wand schien bis zum Himmel zu reichen. Ganz weit oben bemerkte er allerdings wieder einen Saum aus Grün, was ihn vermuten ließ, dass sich am oberen Rand der Felswand wieder ein Wald oder doch zumindest ein dichtes Gebüsch befand.
Leos Gedanken waren immer noch etwas verwirrt. Nur langsam begann er wieder klarer zu denken. Wo war er eigentlich und was war passiert? Doch Knarz ließ ihm keine Zeit, Fragen zu stellen.

„Es ist gut, dass du aufgehört hast zu brüllen. Es fing an mir auf die Nerven zu gehen und es nutzt sowieso nichts. Aber da du nun mal schon da bist, will ich dir mein Zu Hause zeigen. Dann kannst du auch sehen, was du angerichtet hast. Und dann werde ich dir auch deine Fragen, die du sicher hast, beantworten. Aber jetzt haben wir erst einmal einen beschwerlichen Aufstieg vor uns.“

Und damit ging Knarz auf die Felswand zu und fing an, an ihr hoch zu klettern. Doch nach einem Augenblick hielt er inne und wandte sich an Leo, der zögernd und immer noch ungläubig stehen geblieben war.

„Bleib immer dicht hinter mir und benutze die gleichen Tritte und Griffe, wie ich. Dann ist alles ganz leicht. Ach ja, … und schau nicht nach unten!“

Und schon kletterte er weiter. Leo liebte das Klettern. Mit seinem Opa war er schon oft in den nahen Felswänden seiner Heimat herum geklettert. Allerdings war er da angeseilt. Doch es fiel ihm nicht schwer, Knarz zu folgen. Er hatte auch keine andere Wahl, denn dieser stieg langsam aber unaufhörlich immer höher. Leo musste ihm folgen, nicht zuletzt weil er zunehmend neugieriger wurde und wissen wollte, wo er war und was das alles zu bedeuten hatte.

Er hatte keine Mühe Knarz zu folgen, ja er entwickelte mit der Zeit sogar einen kleinen Ehrgeiz, nicht die Tritte und Griffe zu verwenden, die sein Vordermann nahm. Dabei bemerkte er zu seiner Verwunderung, dass sich der Fels merkwürdig weich und gar nicht so hart und kalt anfühlte, wie der aus den Klettergebieten, die er bisher kannte. Verwundert betrachtete er seinen Untergrund. Sein Blick wanderte an der Wand vor ihm zur Seite und in die Ferne. Und dann wäre er fast vor Erstaunen abgestürzt. Denn da, wo die Wand aufhörte und der endlose Himmel anfing, sah er in der Ferne wieder etwas Riesiges, dass sich scheinbar bis in die Wolken streckte. Und plötzlich wusste er auch, was es war. Er erkannte die Gartentür von Opas Haus. Nur war sie so gewaltig groß, wie der Eingang zur Hauptkirche seiner Heimatstadt. Davor standen zwei Riesen, die angeregt miteinander zu sprechen schienen. Aber damit nicht genug. Als er die Gesichter der Riesen betrachtete, stellte er fest, dass es die von Mama und Opa waren. Vor Schreck und Verwunderung klammerte er sich mit letzter Kraft an einen kleinen Ast vor ihm. Dann zog Knarz ihn in eine Höhle, in der er verschnaufen konnte.

„Schnell, komm, weiter“, rief Knarz und zerrte ihn tiefer in die Höhle. Gerade noch rechtzeitig, wie es schien. Denn plötzlich hörte er Schläge auf dem Fels wie von gewaltigen Hämmern. Die Öffnung der Höhle vor ihnen verfinsterte sich und Leo bemerkte ein großes Ungeheuer, dass die beiden Kletterer mit seinen dunklen Augen anstarrte. Und dann schob sich eine Pranke mit seinen gewaltigen Klauen in die Höhle. Aber Knarz zog Leo weiter, tiefer in die Höhle, so dass sie außer Gefahr waren.

„Dieses dumme Katzenvieh versucht es immer wieder, mich zu erwischen. Eines meiner Kinder hat sie schon auf dem Gewissen. Aber mich wird sie nicht bekommen“, meinte Knarz. Und Leo erschrak richtig vor der Wut in seiner Stimme. Nach einem kurzen Augenblick zog sich die Pranke zurück. Wieder ertönten die Hammerschläge auf dem Fels. Dann war es ruhig. Vorsichtig krochen die beiden nach vorne und schauten heraus.

Weit unter ihnen sahen sie ein großes Tier, das zu ihnen hochschaute und wieder war Leo geradezu verdattert über das, was er erkannte. Er sah nämlich niemand anderen als Peter, Opas Kater, der nun mit seinem Schwanz um sich schlug und dann gemächlich in Richtung der Riesen trottete.
Nun erkannte Leo auch wo er war. Er befand sich offenbar in einer Baumhöhle des Ahorns, von dem er den Zweig hatte abschneiden wollen. Das dichte Gebüsch unter ihnen war nichts anderes, als die Wiese, die bis zum Garten des Hauses reichte, vor dem Mama und Opa standen.
„Aber wie... was ist eigentlich passiert? Wie komme ich hierher und warum bin ich so klein und überhaupt...?“, stieß Leo endlich hervor.

Knarz hatte sich auf den Rand der Höhle gesetzt, ließ seine Beine herunterbaumeln und fing bedächtig an eine Pfeife mit Tabak zu stopfen. Auch Leo war an den Rand gekrochen und ließ nun ebenfalls seine Beine baumeln.

„Ich seh schon, es ist Zeit, dir deine vielen Fragen zu beantworten,“ meinte Knarz indem er eine dichte Rauchwolke aus seinem Mund entweichen ließ.
„Du wunderst dich sicher, dass du hier auf dem Ahorn in einer Höhle hockst, dass du scheinbar so klein bist, dass dich eure Katze für eine Maus oder Ähnliches hält und vor allem, wie das alles angehen kann, stimmts?“
Leo nickte heftig und wollte gerade noch weitere Fragen loswerden, als Knarz die Hand hob zum Zeichen, dass er ihn erst einmal sprechen lassen solle.

„Heb dir deine weiteren Fragen auf. Ich kann immer nur eine zur Zeit beantworten.“, und damit lächelte er Leo zum ersten Mal an.
„Um es kurz zu machen. Da Bäume und andere Pflanzen sich nicht vom Fleck bewegen können, haben die meisten von ihnen einen oder gar mehrere Helfer. Oft sind es Elfen und bei Bäumen sind es oft Baumwichte, wie ich einer bin. Wir helfen den Bäumen beim Wachsen und schützen sie so gut es uns möglich ist vor Gefahren. Normaler Weise wohnen Wichtel unten bei den Wurzeln der Bäume und anderer Pflanzen. Aber wenn es Frühling wird und die Sonne wieder wärmt, ziehen wir gerne nach draußen und richten uns eine Wohnung auf dem Baum ein.- natürlich mit Balkon“. Und wieder lächelte Knarz, so dass Leo immer zutraulicher wurde.

„Ja, aber warum habe ich dich noch nie gesehen? Der Ahorn ist doch mein Kletterbaum... und wie kommt es dass ich plötzlich so klein bin … und ….“

„Langsam, langsam. Du hast mich zwar noch nie gesehen. Aber ich kenne dich schon seitdem du das erste Mal auf den Baum geklettert bist. Und ob du es mir glaubst oder nicht. Ich habe nicht nur einmal dafür gesorgt, dass du nicht vom Baum gefallen bist.“

Leo schaute so verdutzt drein, dass Knarz laut loslachte. Aber Leo meinte

„Aber dann muss ich dich doch auch irgendwann einmal gesehen haben, oder?“

„Nein. Ihr Menschen könnt uns normaler Weise nicht sehen. Die meisten Tiere können das, Katzen zum Beispiel. Deshalb müssen wir immer sehr Obacht geben, um ihnen nicht über den Weg zu laufen.
Ihr Menschen habt einfach nicht die richtigen Augen. Du musst dir das so vorstellen.“

Knarz war aufgestanden und hatte seinen Knüppel auf den Boden der Höhle gelegt so, dass er zwischen ihm und Leo, der immer noch am Höhlenrand saß, zu liegen kam.
„Wir beide befinden uns in der gleichen Höhle und können uns sehen. Wenn der Knüppel aber eine Wand wäre, dann könnten wir uns nicht sehen, obwohl wir in der gleichen Höhle sind, stimmts?“

„Ja natürlich, denn niemand kann durch eine Wand sehen!“

„Niemand? Bist du schon einmal an einem Kaufhaus vorbei gelaufen, dessen Fenster so schön verspiegelt leuchten? Oft sind sogar Bilder darauf zu sehen.“

„Ja, bei uns in der Stadt gibt es mehrere ….“
„Von außen sieht man nur den Spiegel oder allenfalls das darauf geklebte Bild. Aber wenn man in das Kaufhaus hinein geht, kann man durch die Scheiben sehen, wie die Menschen draußen vorüber gehen.“

„Ja, das stimmt...“ wunderte sich Leo.

„Siehst du. Und so ähnlich ist das mit eurer Welt und unserer Welt. Wir leben eigentlich gemeinsam in einer Welt. Aber zwischen uns befindet sich für euch eine Art Wand, die eure Augen nicht durchdringen können, während wir das sehr wohl können.“
Jetzt war auch Leo aufgestanden und auf Knarz zugegangen und stellte sich herausfordernd vor ihm auf.

„ Und warum kann ich dich jetzt doch sehen?“

Der Wurzelwicht lächelte wieder und meinte dann. „Ich hatte eigentlich gedacht, diese Frage könntest du dir selber beantworten.“

Leo stutzte und dann kam zögernd aus ihm heraus. „Du meinst doch nicht etwa, dass wir beide auf der gleichen Seite der Wand sind, oder?“

„Na also, geht doch“ , entgegnete sein Gegenüber fröhlich und zündete erneut seine erkaltete Pfeife an.

„Na toll, und wie bin ich dahin gekommen?“ platzte es aus Leo heraus.

„Das ist eine gute Frage. Aber sie hat eine recht einfache Antwort. Wir können nämlich nicht nur durch diese Wand sehen, sondern auch hindurchgehen, wie durch einen Vorhang. Wir sind oft in eurer Welt und kennen uns da ganz gut aus und bewegen uns darin, ohne dass ihr uns wahrnehmt, eben weil eure Augen nur für Dinge eurer Welt taugen. Ihr könnt uns aber sehen, wenn ihr in unserer Welt seid. So einfach ist das.“

„Ja und?...“

„Verstehst du nicht? Ich habe dem Ahorn einen kleinen Tipp gegeben und der hat dich mit einem seiner Äste vom Baum gestoßen und zwar zufällig so, dass du sozusagen durch die Wand in unsere Welt gefallen bist. Wie gesagt, das geschah zufällig so. Und natürlich kannst du hier nur zu unseren Bedingungen sein, um das auch gleich klar zu stellen. Also hast du unsere oder besser meine Größe angenommen. Noch Fragen?“

Leo stand mit offenem Mund vor Knarz. Der aber grinste nur, klopfte seine Pfeife aus und meinte.
„So, Ende der Fragestunde. Lass uns weiter. Ich will dir etwas Wichtiges zeigen und dann wird es Zeit, dass wir zum Mittagessen gehen“

Und ohne weiter auf den verdutzten Leo zu achten, öffnete er an der hinteren Wand der Höhle eine Tür und ging voraus. Leo beeilte sich natürlich hinterher zu kommen nicht zuletzt, um Knarz noch weitere Fragen zu stellen. Aber der meinte nur „später, später“ und ging weiter. Doch zu Leos Verwunderung war der Wichtel plötzlich nicht mehr zu sehen. Er schien einfach verschwunden.

„Wo bist du denn, ich sehe dich nicht mehr?“
„Ich bin genau vor deiner Nase. Geh nur weiter durch die Tür. Dann wirst du mich auch wieder sehen.“

Zögernd machte Leo einen Schritt vorwärts. Und in dem Moment, wo er durch die Tür ging, schien alles um ihn in das Riesenhafte zu wachsen. Aber tatsächlich sah er nun Knarz wieder, der lachend vor ihm stand.

„Du wirst dich an ein paar Eigenarten unserer Welt gewöhnen müssen“, meinte er und zeigte auf die Wände des Gangs, in dem sie sich befanden. „Hier, siehst du die Schläuche an den Wänden? Das sind die Lebensadern des Ahornbaumes. In ihnen transportiert er das Wasser aus dem Boden in seine Zweige und Blätter. Diese Adern sind so winzig, dass du in deiner Welt eine Lupe oder gar ein Mikroskop bräuchtest, um sie zu erkennen. Aber auch für uns sind sie noch viel zu klein, als dass wir uns zwischen ihnen bewegen könnten. Doch in unserer Welt ist das kein Problem für uns, denn wir können uns auf die Größe verkleinern, die es uns möglich macht auf den Wegen zwischen den vielen Baumadern herum zu spazieren. Dazu müssen wir nur durch bestimmte Spalten oder Türen im Stamm und den Blättern des Baumes gehen und schwupps haben wir die rechte Größe. Und da du dich in unserer Welt befindest, hast du natürlich auch diese Fähigkeit.“

Nach dem ersten Schreck hatte Leo wieder mit offenem Mund zugehört. Staunend betrachtete er die vielen Leitungen an den Wänden. Und nun hörte er auch das Plätschern und Gurgeln des Wassers da drin.

„Aber wozu das Ganze“?, wollte Leo gerade fragen. Doch Knarz ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Lass uns weiter gehen. Hier ist es eng und laut. Deine Fragen werde ich nachher in einer gemütlicheren Umgebung besser beantworten können.“

Und damit zwängte er sich durch den engen Gang vorwärts. Manchmal musste Knarz zwei Schläuche auseinander halten, damit Leo sich durch den Spalt zwischen ihnen hindurch drängen konnte. Dann konnte er sogar fühlen, wie das Wasser durch die Adern floss. Nach einer Weile weitete sich der Gang aber und führte zu einer großen Öffnung, durch die das helle Tageslicht herein strömte. Knarz hielt kurz vor ihr an.
Neugierig trat auch Leo näher
Vor sich erkannte eine riesige weißliche Gebirgslandschaft, oder eigentlicher einen Steinbruch, der sich von den Rändern einer bräunlich grünen Ebene davor krass abhob. Aus den Spalten der Klüfte des Steinbruchs sah er vielfach stoßweise Wasser hervorquellen.



Es kam oft so heftig aus dem Inneren, dass es sich bis in die Nähe ihres Beobachtungspostens ergoss.
Eine Weile sahen sie stumm dem Schauspiel zu. Dann räusperte sich Knarz und meinte:

„Tja, das ist ein gewaltiger Anblick nicht wahr? „

„Ja, aber wie kommt der Steinbruch in den Baum? Oder sind wir am Ende gar nicht mehr im Ahorn?“, fragte Leo verwundert.

„Doch, doch, wir befinden uns noch im Baum aber das was du siehst ist kein Steinbruch, auch wenn er so aussieht. Das da vorne ist dein Werk!“

„Mein Werk?... Ich verstehe überhaupt nichts.“

„Was du als Steinbruch bezeichnest, ist in Wirklichkeit das Ergebnis deiner Arbeit mit deinem Messer an dem Ast des Ahorns. Da wir aber gerade so winzig sind, erscheint dir das alles so groß wie ein Steinbruch. Wenn wir aus dem Gang ins Freie treten, werden wir auch wieder unsere vorherige Größe erhalten. Siehst du, so...“ Damit machte Knarz einen Schritt aus der Höhle und sofort verdunkelte sich die Öffnung. Und als Leo erschrocken hinaus spähte, sah er vor sich eine riesige Gestalt, deren Kopf weit oben umrahmt war von einem gewaltigen Bart.
„Hast du gesehen?“, tönte eine Donnerstimme von dort oben. „Du musst einen großen Schritt machen.“

Aber Leo war noch so verdattert von der plötzlichen Verwandlung, dass er nur zögerlich einen Fuß herausstreckte. Und da passierte es. Ein besonders heftiger Wasserschwall ergoss sich bis zum Rand der Höhle, erfasste Leos Beine und riss ihn mit sich fort und er fiel kopfüber nach unten. Nach einer Weile, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, stürzte er auf etwas Festes und etwas streifte seinen Kopf. Ohne zu überlegen griff er danach. Dann umgab ihn eine sonderbare Stille. Als er die Augen wieder öffnete, bemerkte er, dass er an einem Ast hängend hoch über der Wiese schwebte. Dann erscholl Knarzens Stimme.
„Halte dich fest, ich komme!“ und einen Moment später fühlte er zwei kräftige Hände, die ihn nach oben auf einen festen Ast zogen. Dass Knarz jetzt gar nicht mehr so riesig war, wie noch vor ein paar Augenblicken, nahm Leo nur am Rande wahr, denn jetzt musste er sich erst einmal übergeben und das viele Wasser, das er geschluckt hatte ausspucken.
Als er wieder zu Atem gekommen war, bemerkte er Knarz, der neben ihm saß und ihn vorwurfsvoll betrachtete.

„Sagte ich nicht, du musst einen großen Schritt machen? Du hast ein ziemliches Glück gehabt und kannst dich außerdem beim Ahorn bedanken. Hätte der dir nämlich beim Fallen nicht einen seiner Äste entgegen gestreckt, hättest du sehr unsanft landen können.“

Leo war noch zu erschöpft, um irgend etwas sagen zu können. Aber er war erleichtert, dass er wieder die gleiche Größe wie Knarz eingenommen hatte. Der ließ ihn aber nicht lange nachdenken, sondern meinte.

„So, jetzt ist es aber endgültig Zeit fürs Mittagessen. Wir sind gleich da.“ Und damit erhob er sich und ging voran. Leo hatte keine Wahl. Er musste ihm folgen. Nach ein paar Schritten kamen sie einer Stelle vorbei, wo der Ast, auf dem sie liefen offensichtlich verletzt war.

„Das ist die Stelle, wo du mit deinem Messer am Ast herum gewerkelt hast und die dir eben noch so groß wie ein Steinbruch vorkam. Pass auf, gib mir deine Hand, dass du nicht wieder abstürzt. Der Weg am Steinbruch vorbei ist sehr schmal und außerdem glitschig – aber das solltest du ja inzwischen wissen.“

Dann war es nur noch ein kurzes Stück, bis sie die Wohnung erreichten. Die Außenwände bestanden aus einem Geflecht von dünnen Ästen, Zweigen und Gräsern, die in einer großen Astgabel des Baumes einen sicheren Halt gefunden hatten. Es sah aus, wie ein Kobel eines Eichhörnchens. Als sie eintraten, stürzten zwei kleine Baumwichtel auf sie zu, „Papa, Papa, da bist du ja......“ Dann aber hielten sie kurz vor ihnen an und beäugten misstrauisch, wenn Knarz da mitgebracht hatte.

„Wer ist denn das? Der sieht aber komisch aus.“, meinte der ältere der Kinder während sich seine kleinere Schwester ängstlich hinter ihm versteckte.
„Du bist sehr unhöflich, Knarzino! So begrüßt man keinen Gast. Auch dann nicht, wenn er nicht ganz so aussieht wie man selber. Was meinst du wohl, wie komisch du ihm vorkommen musst? Also komm, gib Leo die Hand und du auch Knarzina!“

Knarzino befolgte den Befehl seines Vaters eher missmutig, während Knarzina leicht kichernd sogar einen Knicks zustande brachte, wobei ihre winzigen kleinen Blätter an ihren Beinchen einen lustigen Tanz vollführten. Dann erschien eine kleine dicke Frau mit lachenden Augen und einem langen Zopf. Sie hatte eine Schüssel mit Suppe in der Hand, stellte sie auf den runden Tisch in der Mitte des Raumes und kam auf die Ankömmlinge zu.

„Ihr kommt gerade rechtzeitig, Knarz. Es gibt Mittagessen – und du hast wieder einmal einen Gast mit gebracht. Sei gegrüßt, ich bin Knarza, die Frau dieses Burschen neben dir. Und da ich es inzwischen gewohnt bin, dass Knarz Gäste mitbringt, habe ich ein wenig mehr zum Essen zubereitet..“

Sie gab Leo die Hand und bat ihn sich zu setzten. Leo hatte alles wortlos und staunend über sich ergehen lassen. Jetzt sah er etwas misstrauisch auf den Teller Suppe vor sich. Aber Knarz meinte nur: „Probier nur, Leo, es wir dir schmecken. Es ist eine Suppe aus den jungen Blättern des Ahorns im Blattwasser gekocht und mit Ahornsirup gesüßt.“
Vorsichtig kostete Leo. Und tatsächlich es schmeckte ihm recht gut.
„Woher kommst du?“ fragte da Knarzino, der schon die ganze Zeit unruhig auf seinem Stuhl hin und her gerutscht war. „Du siehst aus wie ein Mensch bloß viel kleiner und...“
„Leo ist auch ein Mensch, der allerdings durch Zufall in unsere Welt gerutscht ist und deshalb unsere Größe angenommen hat. Ich möchte ihm zeigen, welche wichtige Aufgaben wir Baumwichtel haben.“ Und zu Leo gewandt fuhr er fort. „ Du musst wissen, dass wir dem Baum helfen, den Winter zu überleben und im Frühling weiter zu wachsen.“

Leo schaute ihn ungläubig an: „Wie wollt ihr das machen, ihr seid doch so viel kleiner als die Menschen. Und der Baum ist doch schon für uns riesig?“

Knarz lächelte und meinte dann. „Gerade weil wir so klein sind, können wir helfen. Wir sind nämlich so etwas wie die Wasserwärter des Baumes. Du hast ja die Leitungen, durch die das Wasser im Baum fließt selber gesehen und mit dem Wasser hast du auch schon Bekanntschaft gemacht, nicht wahr? Wir sorgen dafür, dass das Wasser richtig und vor allem zur rechten Zeit fließen kann.“

„Zur rechten Zeit? Das verstehe ich nicht. Der Baum braucht doch immer Wasser, oder etwa nicht?“

„Nicht wirklich. Im Winter fließt fast alles Wasser aus den Blättern und Ästen wieder in die Erde. Das fängt schon im Herbst an. Deshalb verfärben sich die Blätter und fallen schließlich ab – einfach weil sie keine Nahrung mehr bekommen.“

„Und warum fließt das Wasser wieder in die Erde?“
„Das weiß doch jedes Kind“, platzte da Knarzino heraus. „Wenn das Wasser in den Ästen und blättern bliebe, würde der Frost die Wasserleitungen und das Holz sprengen. Und außerdem müssen die Blätter abfallen, weil sonst nicht genügend neue nachwachsen könnten“

„Du bist wieder sehr vorlaut Knarzino“, tadelte seine Mutter. „ Du kennst dich mit dem Leben des Baumes aus, weil er dein Zu Hause ist. Aber Leo weiß noch sehr wenig über die Bäume. Was meinst du, wie du staunen würdest, wenn er dich durch sein Haus führen würde?“

„Ich will dir erklären, wie alles zusammenpasst.“ fuhr Knarz fort. „Im Herbst fangen wir Baumwichtel an, die Wasserhähne an den Wurzeln der Bäume langsam zuzudrehen. Dann kommt nur noch wenig Wasser und damit wenig Nahrung in die Blätter, während das Wasser aus den Blättern ungehindert wieder in die Erde abfließen kann. Den Grund hat dir unser naseweiser Älteste ja schon genannt. Im Winter sind die Ventile vollständig geschlossen. Das ist eine Menge Arbeit für uns Wichtel. Deshalb hat jeder Baum immer mehrere Wichtel, die sich die Arbeit teilen.
Und im Frühling müssen wir sie natürlich wieder öffnen. Das geschieht aber nicht langsam, sondern die Wasserhähne müssen fast zur gleichen Zeit alle geöffnet werden. Das ist die anstrengendste Zeit im Jahr, wie du dir vorstellen kannst“

„Ja, schon. Aber warum müsst ihr sie so schnell öffnen?“

„Na, stell dir vor, du hättest lange gehungert. Würdest du dann nicht auch möglichst schnell viel zu essen haben wollen?“

Leo überlegte einen Moment und wollte gerade fragen, wie die Bäume es anstellen, dass sie den ganzen Winter hungern, während er doch schon nach ein paar Stunden in der Schule hungrig nach Hause kam. Doch als ob Knarz seine Gedanken erraten hatte, sagte er:
„Bäume können natürlich viel länger hungern als Menschen. Aber eigentlich ist es kein Hungern. Es ist eine Art Winterschlaf, so ähnlich wie bei manchen Tieren, wie zum Beispiel bei den Bären oder Dachsen. Aber der Hunger ist nicht der wichtigste Grund, warum wir die Ventile schnell öffnen müssen. Es ist das Wasser, das aus dem Boden nach oben drückt. In den ersten Frühlingstagen, wenn der Boden aufgetaut ist und die Sonne wieder mehr Kraft hat, brauchen die Bäume die Nahrung aus dem Boden, damit ihre Blätter wachsen können. Und das Wasser will in die Bäume strömen. Wenn wir die Hähne öffnen, schießt es oft geradezu in die Baumadern nach oben. Du hast das Gegluckere ja selber gehört. Das macht oft so viele Lärm, dass selbst die Menschen ihn hören können, wenn sie ihr Ohr an den Stamm halten.“

„Das stimmt“, unterbrach Leo ihn aufgeregt. „Letztes Jahr hat mir Opa einmal einen Baum gezeigt, bei dem man hören konnte, wie es in ihm plätschert und gurgelt wie in einem Wasserwerk.“
„Siehst du, da hast du also schon selber eine eigene Erfahrung gemacht. Was dein Opa dir aber leider wohl nicht gesagt hat ist, dass man das Strömen des Wassers nur an wenigen sonnigen Tagen zu Anfang des Frühlings hören kann. So lange bis der Baum genug getankt hat. Und in der Zeit ist der Druck des Wassers so groß, dass es aus den Ästen wieder herauslaufen würde, wenn diese verletzt werden. Deshalb soll man an diesen Tagen keine Äste abschneiden und schon gar nicht an ihnen herumschnitzen.“

Leo merkte, wie er rot wurde und senkte den Kopf. Denn er hatte den Hinweis von Knarz natürlich sehr gut verstanden und hoffte nur, dass dieser nun nicht noch einmal auf seine Schnitzerei einging. Aber Knarz meinte nur.

„Jetzt wird es aber Zeit, dass ihr nach draußen in die Sonne geht. Knarzino und Knarzina geht hinaus und zeigt einmal, wie der Baum mit seinen frischen Blättern atmet. Aber geht nicht zu weit aus dem Schutz der Blätter. Ihr wisst ja, es gibt Vögel, die nur darauf warten, sich einen kleinen Baumwichtel zu schnappen.“

Das ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen und stürzten hinaus. Draußen empfing sie eine wohlige Wärme während die vielen frischen grünen Blätter ihnen überall kühlende Luft zufächelten. Vor einem dieser Blätter, das die Größe eines Tischtuches hatte, blieben sie stehen und Knarzino meinte.
„Entschuldige, ich wollte nicht gemein sein, als ich dich auslachte,“ und er streckte Leo die Hand hin, „ Ich auch nicht“, kicherte Knarzina und streckte ebenfalls ihre Hand aus. Da mussten alle herzlich lachen. Knarzino aber ging näher an das Blatt heran und deutete auf einen Spalt an der Unterseite.

„Siehst du, durch diese Spalte atmet das Blatt die verbrauchte Luft um uns ein und wandelt sie in frischen Sauerstoff um, den sie aus dieser Spalte ausatmet.“ Und damit zeigte er auf eine andere Spalte in der Nähe der ersten.
„Mein Vater hat mir das erklärt und gesagt, dass die Tiere, die Menschen aber auch wir Wichtel gar nicht leben könnten, würden nicht die Bäume und die vielen anderen Pflanzen mit ihren Blättern dafür sorgen, dass wir immer genug frische Luft zum Atmen haben.“
Leo ging neugierig ein wenig näher an die Spalten heran und als er die Hand davor hielt, meinte er sogar eine Art Luftzug zu spüren. Dann schaute er sich um. Sie standen auf einer Art Weggabel, wo sich mehrere Äste abzweigten. Rings um die Lichtung wuchsen die frischen Blätter von den Zweigen. Aber die Weggabel war frei und wunderbar von der Sonne beschienen.
„Ihr habt es wirklich schön hier und eine wunderbare Aussicht“, meinte Leo. „Ich glaube ich da hinten kann ich sogar unser Haus erkennen.“

Aber Knarzino rief ganz aufgeregt: „Komm zurück unter die Blätter! Es ist gefährlich so lange im Freien zu stehen“.

Leo drehte sich um und wollte gerade fragen, was denn daran so gefährlich sei, als sich der Himmel plötzlich verdunkelte. Er hörte ein
kurzes Brausen. Dann fühlte er wie er gepackt wurde und ab ging es in die Lüfte. Er sah noch die vor Entsetzen geweiteten Augen Knarzinos. Dann fühlte er einen Schlag gegen den Kopf und merkte, wie er unsanft
auf dem Boden landete. Und als er hoch sah, erkannte er eine Elster, die sich mit erschrockenem Gekrächze davon machte.
Er sah sich um. Und zu seiner großen Verblüffung bemerkte er, dass er am Fuß des Ahorns im Gras saß. Jetzt bemerkte er auch die Schmerzen am Kopf und als er ihn betastete spürte er die große Beule. Doch zum Heulen war er immer noch zu verdattert.
Da sah er seine Mutter herbei laufen.

„Leo, um Gottes Willen, bist du verletzt?“

Leo schüttelte den Kopf und stand auf. Ein Wassertropfen fiel auf seine Hand. Er schaute nach oben in die Zweige des Ahorn und da, ganz weit oben meinte er zwei kleine Wichte zu erkennen, die ihm zuwinkten. Zögernd hob Leo die Hand.

Dann war seine Mutter zur Stelle und nahm ihn in die Arme.





Das Buch wurde als Ebook bei Neobooks.de veröffentlicht.



Raupes Mondfahrt



Die Geschichte einer fantastischen Reise
von
Wolf Döhner




Den ganzen Sommer über war die Wiese voller Leben. Da summte, zirpte und zwitscherte es, dass es eine Freude war. Und die Bienen, die Grillen und die Vögel sowie all die anderen Tiere tummelten sich in ihrer Lebensfreude.

Hoch über all dem saß eine große Raupe auf einem Blatt der Ulme, die sich am Rande der Wiese nahe einer alten Scheune befand.
Sie ließ sich nicht stören von all dem Getümmel da unten, sondern fraß langsam aber stetig an ihrem Blatt. Und wenn sie davon genug hatte, so ließ sie sich an einem langen Faden, der aus ihrem Hinterleib heraus kam auf ein anderes Blatt herunter gleiten und fraß weiter.
Sie war wunderschön ganz in schwarz mit roten Punkten auf beiden Seiten ausgestattet. Dazu standen auf ihrem geringelten Leib lauter weiße Haarbüschel senkrecht in die Höhe. Am Hinterleib aber krümmte sich ein pink farbiger Stachel.
Die Tiere, die ihr begegneten hielten jedoch auf guten Abstand. Denn irgendwie sah die Raupe auch gefährlich aus. Und man wusste ja nicht, wozu sie fähig war. Sie war natürlich völlig harmlos. Aber das wusste eben nur sie und so hatte sie sich mit der Zeit daran gewöhnt, dass die meisten Tiere sie mieden.

Gelegentlich jedoch kam ein Tier vorbei.
Da war das stets neugierige Rotkehlchen.
Es setzte sich auf einen Ast oberhalb der Raupe, wippte mit dem Schwanz und sagte von oben herab
"Was bist du den für ein langsames Wesen?"
"Ich bin eine rot gepunktete Ulmenspannerin", entgegnete die Raupe ohne von ihrer Mahlzeit ab zu lassen.
"Kannst du wenigstens fliegen, wenn du schon so langsam kriechen musst?", fragte das Rotkehlchen weiter und hüpfte ungeduldig auf den nächsten Ast.
"Fliegen, was ist das?" sagte die Raupe und hob etwas ihren Kopf, um die Fragerin zu betrachten.
"Dumme Frage", zwitscherte der Vogel und flog davon.
Die Raupe sah ihr bewundernd nach. Dann wandte sie sich wieder ihrem Geschäft zu.

"Hoppla", hörte sie nach einer Weile des Fressens. "Wen haben wir denn da?" Am Ende des Blattes war ein Marienkäfer aufgetaucht und beäugte misstrauisch die viel größere Raupe.
"Wo hast du deine Flügel versteckt?"
"Welche Flügel? Ich weiß nicht was das ist."
"Na so etwas wie das hier", meinte der Marienkäfer, spannte seine Flügel auf und flog zum nächsten Blatt.
"Wie kann man denn ohne Flügel leben?" Und ohne die Antwort ab zuwarten flog er weiter in den hellen Sonnentag hinein.

"Fliegen", dachte die Raupe, "das wäre nicht schlecht. Dann könnte ich meine Ulme verlassen und zu anderen Bäumen fliegen."
Doch nach einer kurzen Pause der Überlegung senkte sie ihren Kopf und fraß weiter.

"Summ", machte es da plötzlich und vor ihrer Nase schaukelte eine große Hummel gemütlich in der Luft hin und her.
"Gibt es hier bei dir Blüten?" brummte sie.
"Blüten?" fragte die Raupe. "Was ist das?"
"Oh", entgegnete die Hummel. "Du weißt nicht was Blüten sind? Was frisst du denn?"
"Ich fresse die Blätter des Baumes", meinte die Raupe ...."und davon gibt es mehr als genug," ….wollte sie sagen. Doch die Hummel unterbrach sie
"Blätter! Wie langweilig! Komm spann deine Flügel aus und folge mir. Ich werde dir die leckersten Blüten der ganzen Gegend zeigen!"
"Ich habe keine Flügel und fliegen kann ich auch nicht", entgegnete die Raupe verlegen.
"Ach so", die Hummel schwankte unschlüssig in der Luft hin und her und überlegte. Aber da ihr nichts einfiel, flog sie eine Schleife um die erstaunte Raupe. " Ja dann kann ich dir auch nicht helfen" Und weg war sie.
Die rot gepunktete Ulmenspannerin schaute ihr nach." Blüten müssen etwas wunderbares sein…." dachte sie. Dann kroch sie langsam weiter. "Aber meine Blätter schmecken auch gut."

So verging der Sommer. Die Tage wurden kürzer, der Herbst zog übers Land und malte alles in den schönsten Farben an. Die Tiere aber fingen an sich für den Winter vor zu bereiten. Auch die Raupe hatte ein Gefühl, als ob sie sich nun noch einmal so richtig satt fressen müsste.

Eines Abends ließ die Sonne ihre letzten warmen Strahlen über das Land gleiten, als wolle sie es noch einmal verwöhnen vor einer langen kalten Zeit. Die Strahlen sangen eine wundervolle Melodie und berührten jedes Tier, jede Pflanze und wer berührt wurde, hielt inne, als lausche er einer Botschaft.
Die Raupe aber hörte ganz deutlich eine Stimme in sich. Die sagte: "Komm worauf wartest du noch?! Auf dich warten wunderbare Dinge.“
Die Raupe hob den Kopf und sei es nun, dass der letzte Sonnenstrahl sie blendete oder sei es aus einer plötzlichen Laune heraus, jedenfalls rollte sie sich zusammen, kullerte das Blatt auf dem sie sich gerade aufgehalten hatte hinunter, pling, plang, plung auf so manches anderes Blatt darunter, fiel dann auf das Dach der alten Scheune nahe der Ulme, rollte das Dach hinab und verschwand dann in einer der vielen Dachritzen. Dann machte es plumps und sie war auf einem Sims unterhalb des Daches auf dem Dachboden gelandet.

"Oh, das war knapp!" hörte sie eine etwas ärgerliche Stimme neben sich sagen, noch bevor sie die Augen öffnen konnte, um zu sehen, wo sie gelandet war.
Dann nahm sie noch etwas verschwommen ein grünliches Licht wahr, das heftig flackerte.
"Du hast mich beinahe erschlagen" sagte das Licht.
"Entschuldige" meinte die Raupe noch etwas benommen von dem Sturz, "das war natürlich überhaupt nicht beabsichtigt. und….“

"Schon gut, ist ja nichts weiter passiert," unterbrach sie das Licht und hörte dann langsam auf zu flackern. Jetzt konnte die Raupe einen kleinen unscheinbaren Käfer entdecken, der dicht vor ihr im Heu saß und mit großen, neugierigen Augen beobachtete, wie die Raupe sich langsam in voller Länge ausstreckte.

"Wer bist du und wo bin ich überhaupt" fragte die Raupe vorsichtig, um das Thema zu wechseln.

"Dumme Frage", antwortete der Käfer und verzog seinen breiten Mund zu einem Grinsen, während sein Hinterteil wieder anfing zu leuchten. "Sieht man das nicht? Ich bin ein Glühkäfer. Die Menschen sagen zwar Glühwürmchen zu mir. Aber das sagen sie nur, weil sie mich nicht genau betrachten. Tja und du bist auf meinem Balkon gelandet, auf dem ich mich gerade zu meinem abendlichen Ausflug vorbereitet hatte."

"Aber Abends schläft man doch" wagte die Raupe vorsichtig einzuwenden.

"Na du vielleicht. Aber ich schlafe am Tag und nachts fliege ich mit meinem Licht umher. …."

"Gib nicht so furchtbar an mit deinem Licht. Damit kannst du doch sowieso nichts sehen in der Nacht!"

Die Stimme kam von oben und die Raupe und der Käfer duckten sich unwillkürlich, so schneidend und hell war die Stimme. Dann machte es nochmals plumps und neben ihnen saß ein höchst merkwürdiges Wesen, das keines von beiden je vorher gesehen hatte. Es war mehr als doppelt so groß wie die Raupe, hatte eine Stupsnase und Eselsohren und winzig kleine Knopfaugen.

"Was starrt ihr mich so an! Habt ihr noch nie eine Fledermaus gesehen?"

"Oh," wisperte das Glühwürmchen ,fing vor Aufregung wieder an mit seinem Hinterteil zu leuchten und machte sich hinter der Raupe noch kleiner, als es sowieso schon war.
Die Fledermaus lachte ein helles hohes Lachen und meinte dann. „Keine Angst ich fresse weder Glühkäfer noch solche Rasierpinsel wie deinen Gefährten".

Die Raupe brauchte eine Weile, bis sie verstanden hatte, was die Fledermaus gesagt hatte. Nun wusste sie zwar nicht, was ein Rasierpinsel war, aber sie begriff doch, dass ein Rasierpinsel genannt zu werden kein Kompliment war.

"Entschuldige mal," erwiderte sie deshalb ungewohnt heftig. "Ich bin eine rot gepunktete Ulmenspannerin und eine Stimme in mir hat gesagt, dass ich noch wunderbare Dinge erleben werde und….."

Aber sie konnte nicht weiter reden. Denn plötzlich wurde es lebendig in der Scheune. Taschenlampen ließen ihre Lichtkegel wie helle Zeigefinger durch die Dämmerung gleiten. Dann hörten sie Kinderstimmen. Neugierig beugten sich die Tiere über den Rand des Simses.
Sie sahen, wie drei Kinder eine große Wanne in den Schuppen schleppten.

"Kommt schließt den Wasserschlauch an; das Waschpulver habe ich schon in der Wanne.", hörten sie den größten der Jungen rufen.
"Ich geh und schaue nach dem alten Fassring, der hier irgendwo sein muss", sagte das Mädchen und sprang auch schon los. Der kleinste Junge hatte inzwischen das Wasser angestellt und schon schäumte es in der Wanne auf zu einem wundervollen Schaumgebirge. Die beiden Jungen fingen mit Strohhalmen die Seifenblasen und bliesen sie auf, bis sie platzten oder von dem leichten Abendwind, der aufgekommen war durch die Scheune getragen wurden.
Jetzt kam das Mädchen mit einem großen Drahtring angerannt.

"Werft eure Strohhalme weg, jetzt gibt es richtige Seifenblasen." Und damit tauchte sie den Reifen in die Wanne zog ihn wieder heraus und drehte sich damit schnell im Kreis.
Und nun schwebten mit einem Mal ballgroße Seifenblasen durch die Luft, kugelten sich, stießen aneinander und platzen dann in tausend kleinere Blasen, bis auch diese zerfielen.
Die Kinder jauchzten und sorgten ständig für Nachschub an diesen flüchtigen Bällen. Wenn die Seifenblasen durch eines der Lichtkegel schwebten, schillerten sie in den buntesten Farben, um dann irgendwann in die aufziehende Nacht zu entschwinden.

"Seht mal", sagte der Junge, "diese Riesenblase!" Und wirklich hatte er gerade ganz vorsichtig den Reifen durch die Luft gedreht bis sich eine Blase löste, die wohl das Ausmaß eines Kürbisses hatte. Mit offenem Mund schauten die Kinder zu, wie sich der Kürbis dehnte und in der Luft wackelte wie Wackelpudding, dann schwebte er hoch unter das Dach, wo die Tiere dem Treiben atemlos zugesehen hatten. Die Blase kam direkt auf sie zu. Und während die Fledermaus und der Glühkäfer sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten, machte es plötzlich schwupp und die Raupe befand sich gefangen in der Riesenkugel. Gemächlich rollte diese auf dem Sims weiter, als mit einem Mal ein heftiger Windstoß durch die Scheune fegte und die Seifenblase mitsamt der Raupe hinaus in den Abendhimmel trug.

Das alles war so unvermittelt und schnell geschehen, dass die Raupe gar keine Zeit gehabt hatte, so etwas wie Angst zu empfinden. Und nun, da sie über das Scheunendach schwebte, war sie so angetan von der Aussicht, dass sie ebenfalls nicht an Furcht dachte. Getragen von dem warmen Abendwind fuhr sie in ihrem ungewöhnlichen Gefährt durch die Nacht. Die Haut der Seifenblase schillerte silbrig weiß und verzerrte die Ansicht der Außenwelt zu fantastischen Gebilden. Ein grünliches Licht bewegte sich aufgeregt flackernd vor der Kugel hin und her und ab und zu sah die Raupe die Eselsohren der Fledermaus vorbeiflitzen. Dann traf der Lichtkegel einer Taschenlampe auf die Oberfläche der Seifenblase und mit einem Mal war es, als hätten sich alle Farben der Welt in ihrem Gefährt versammelt. Es blitzte und blinkte wie bei einem Feuerwerk.
War das nun das Wunderbare, das sie erleben sollte und weswegen sie sich so beeilen sollte, fragte sich die Raupe, während sie weiter dem unglaublichen Farbenspiel zuschaute. Sie konnte sich nicht entsinnen, solch eine Pracht jemals zuvor gesehen zu haben.
Nur einmal, als sie auf einem Blatt ihrer Ulme einen Regenbogen erlebt hatte, war ihr eine ähnliche Farbenvielfalt begegnet.

Inzwischen war die Nacht völlig hereingebrochen. Die Taschenlampen waren längst erloschen und auch ihre Begleiter folgten ihr nicht mehr; dafür sah die Raupe über sich die unendliche Vielzahl der Sterne funkeln. Und es war ihr, als säße sie selber in einem der Sterne.

Und weiter ging die Reise, höher und höher in die Weiten des Nachthimmels. Die Seifenblase dachte gar nicht daran zu platzen. Sie freute sich vielmehr an dem warmen Abendwind, der sie immer mehr in die Höhe führte.

"Mach weiter Wind, blase weiter!" lachte sie. Und auch die Raupe rief dem Wind zu, er solle weiter machen. Aber ihre Stimme war so fein, dass er das wohl nicht hören konnte.
Doch auch ohne die Aufforderungen der seltsamen Luftfahrer hatte der Abendwind seine Freude an ihnen. Und während er sie immer weiter weg von der Erde führte, sang er sein Lied.

Von der warmen Mutter Erde
hab ich Kraft in mir vereint,
die der Dinge große Schwere
mühelos zu tragen scheint.

Hoch hinauf in höchste Höhen
trag ich folglich jede Last.
Um von oben zu besehen,
was sich tut dort ohne Hast.

"Gut so, Wind!", rief die Seifenblase, "blase weiter!"
Und zur Raupe gewendet meinte sie.
"Du musst keine Angst haben. Ich werde nicht platzen, wenn du mir hilfst, mich zusammen zu halten. Ich werde dir von meiner Feuchtigkeit geben, soviel du brauchst. Und du wirst mit deinen Fäden ein Verstärkungsnetz in mir weben, das mich festigt."

Und so fing die Raupe an die innere Seite der Blase abzuschlecken. Langsam kroch sie voran. Und mit jedem Schritt vorwärts entließ sie einen feinen weißen Faden aus ihrem Hinterleib, der sich sofort auf die Haut der Seifenblase legte und ihr mehr und mehr Festigkeit verlieh.
So konnte die Reise weiter gehen. Längst war die Erde unter ihnen nur noch als große Kugel zu erkennen. Die Raupe kam in einen richtigen Spinnrausch. Und je mehr sie spann, umso kleiner wurde die Blase und umso größer breitete sich das Gesicht des Mondes über ihnen aus.
Schließlich konnte sich die Raupe gar nicht mehr vorwärts bewegen. Aber sie drehte sich und wandte sich, um auch den letzten Rest der Blase zu erwischen und in Spinnfäden zu verwandeln.
Und gerade als sie damit fertig war, spürte sie einen heftigen Stoß. Dann war Ruhe. Die Raupe aber, müde von der langen Arbeit, fiel in einen tiefen Schlaf.

Was sie nicht wusste war, dass sie auf dem Mond gelandet war. Aber da sie einen festen Schutz um sich hatte, konnten ihr der Aufprall und die Kälte die dort herrschte, nichts ausmachen.
So lag sie also da, wer weiß wie lange. Bis schließlich eines Tages das Mondkalb vorbei kam. Es war immer auf der Suche nach etwas essbarem, weil es davon auf dem Mond nicht so sehr viel gibt. Neugierig beschnupperte es die fremdartige Hülle.
Dabei sang es in einer merkwürdig klagenden Stimme

Ach wie geht’s mir armen Wesen
doch so schlecht seit ew´ger Zeit.
Hätt´ ich bloß noch mehr zu essen.
Doch der Tisch steht nie bereit.

Es nahm die Raupenhülle in den Mund. Aber als es merkte, dass sie hart und nicht zu essen war, spuckte es das Gehäuse in weitem Bogen wieder aus.
Und da das Mondkalb sehr heftig spucken kann, flog das Gefährt der Raupe in hohem Bogen hinaus in die Nacht, vorbei an den Sternen hinunter zur Erde.

Das war wieder eine lange Reise. Aber die Raupe merkte davon Gott sei Dank nichts, denn sie war ja fest eingeschlafen.
Sie flog und flog. Immer näher kam sie der Erde und als sie schon beinahe wieder dort angelangt war, spannte sich mit einem Mal ein herrlicher Regenbogen über das Land. Auf dem landete die Hülle, rollte und rollte und fiel dann am Fuße des Regenbogens auf einen Stein, der in der Nähe der Ulme lag, die einst ihre Heimat gewesen war.
Da sprang die Hülle auf. Die Raupe erwachte, blinzelte verschlafen in die helle Sonne und zwängte sich dann aus ihrer Schale heraus.

Doch was war das? Aus der Hülle schlüpfte ein wunderbares Gebilde, streckte sich, dehnte sich und entfaltete zwei schillernde Flügel. Behutsam bewegte es diese hin und her, dann drehte es den Kopf mit seinen zwei langen Fühlern, um sich selber zu betrachten. Was es da sah, ließ seinen Atem stocken.
Auf zwei regenbogenfarbig schimmernden Flügeln sah es je einen roten Punkt leuchten, der Rand der Flügel aber war in einem hauchzarten Purpur gefärbt.

Erst zaghaft, dann heftiger, öffnete es seinen Mund und sang.

Ha ha ha ha ,dass ich nicht lach.
Ich bin so froh, bin endlich wach.
Fühl eine Leichtigkeit in mir.
Die will mich tragen fort von hier

In einem wahren Glücksrausch schwenkte die Raupe die Flügel und flog hinüber zur vertrauten Scheune. "Seht, das Wunderbare ist geschehen!" rief sie und flatterte zu dem Sims empor.
Dort blinzelte ihr verschlafen der Glühkäfer ins Gesicht. "Ich bin wieder da!", rief die Raupe. "Und schau mal wie ich aussehe!"

Der Käfer gähnte verschlafen und meinte dann. "Verschwinde du flatterhaftes Ding! Ich kann euch Schmetterlinge nicht ausstehen! Ständig seid ihr zu albernen Späßen aufgelegt! Lass mich schlafen!"

Für einen Augenblick stutzte die Raupe. Dann breitete sie ihre Flügel aus, flog hinaus in die warme Frühlingssonne und rief: " Das Unerhörte ist eingetreten. Ich bin ein Schmetterling!"

Und fort flog der Schmetterling, setzte sich hierhin und dorthin, naschte dort an den gleichen Blüten wie die Bienen und die Hummeln, schwang sich zusammen mit den Vögeln in die Luft, kroch mit dem Marienkäfer über die grünen Blätter
und erzählte, jedem der es hören wollte, dass er eigentlich eine Raupe sei. Aber sie habe wunderbare Dinge erlebt, wie ihr prophezeit worden wäre. Und nun sei sie ein Schmetterling.

Ja und so habe auch ich die Geschichte erfahren.





© Wolf Döhner, www.ver-dichtungen.de, wdoehner@web.de


 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü